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Die Neunte Symphonie - Die Entstehung

Die Neunte Symphonie – „Die Entstehung“
Der Text - Das musikalische Thema der Ode An die Freude - Das Werk


Bei der Entstehung der Neunten Symphonie ist die außergewöhnliche Dauer der Zusammensetzung vom Text und Musik - 29, sogar 30 Jahre - die auffälligste Tatsache. Um Beethovens eher verschlungenen Gedankengänge zu verstehen, kommen hier drei parallel laufende Vorgänge, die zu diese Synthese geführt haben, zur Hilfe.

1- Der Text - Die Hauptphasen von Beethovens Dauerbeziehung zu Schillers Text.

2- Das musikalische Thema der Ode „An die Freude“ - Überblick und Zusammenfassung von Beethovens zahlreichen Versuchen, die Vokalmusik und die komplexe Sprache der Instrumentalmusik zu vereinigen, sowie eine kurze Geschichte des „Freude“-Themas.

3- Das Werk - Der Plan einer Symphonie mit Chor-Finale. Die Skizzen. Endgültige Fassung der Neunten Symphonie.


1- Der Text

 Obwohl Beethoven schon in 1792 daran dachte, Schillers Text zu vertonen, beschäftigte er sich erst mit der 1803 neu bearbeiteten Version vom Gedicht. Die zahlreiche Versuche die Ode „An die Freude“ zu vertonen laufen in verschiedenen Phasen:

Ende 1792 / Anfang 1793 - Erster Plan einer Vertonung der Ode „An die Freude“

1799 -  Skizze von  - „Muß ein lieber Vater wohnen“

1804-1805 - Vertonung von  „Wer ein holdes Weib errungen / Mische seinen Jubel ein !“, für die Oper Leonore (op.72a) gemeint.

1805-1806 - In Leonore aufgenommen, haben diese Verse Vorrang.

1814 -  Intensivere Verwendung einer Neubearbeitung der selben Versen in der endgültigen Fassung der Oper, jetzt Fidelio  genannt. (op. 72b).

1814-1815 - Zwei Skizzen von „Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium“

1822 - Endgültige Fassung des „Freude“ - Themas

 

2- Das musikalische Thema der Ode „An die Freude“

Paradoxerweise stimmen die aufeinanderfolgende  Vertonungsversuche des Gedichts   nicht unbedingt mit den Phasen der Ausarbeitung des „Freude“-Themas, (endgültige Fassung: 1822) überein. Die Hauptphasen der Entwicklung lauten :

1794/5 - Beethoven komponiert das Lied „Seufzer eines Ungeliebten und Gegenliebe“ (WoO 118).
1808 - In der Fantasie für Klavier, Chor und Orchester op. 80  kommt das zentrale Thema des Lieds „Gegenliebe“ vollständig vor.

1810 - Wiedererscheinen des gleichen Themas im Lied : „Mit einem gemalten Band“ op. 83 n° 3.

1822 - Endgültige Fassung des „Freude“- Themas.

 

Die Lieder, die Fantasie und die Hymne im 4. Satz zeigen deutliche thematische und melodische Ähnlichkeiten. Die spätere Entwicklung des Melodie bis zu ihrer Anwendung in die Neunten Symphonie wird aber weder vermutet noch angedeutet.
 
Das Lied „Seufzer eines Ungeliebten und Gegenliebe“, besteht eigentlich die Zusammensetzung zweier ursprünglich verschiedenen Lieder, die Werke vom deutschen Dichter August Bürger (1747-1794) vertonen. Sehr wahrscheinlich entschloss sich der Komponist noch vor ihrer Veröffentlichung beide Lieder zusammenzufassen. Die Melodie die auf das künftige Thema aufweist kommt im zweiten Teil : „Gegenliebe“, vor.

In der Fantasie probiert die Melodie eine Symbiose zwischen reiner Musik und Vokalmusik. Die Struktur/Text -Beziehung zieht das Werk noch näher in die Richtung der Neunten Symphonie. Durch die Raffinesse der Behandlung und des hymnischen Charakters der mit hineingefügten instrumentalen Passagen Vokalpartien - sowohl Chor als Solisten,  ist dieser „Probegalopp“ vor der Symphonie mehr als geglückt. Der vom Wiener Dichter Christoph Kuffner (1780-1817) speziell für das Stück verfasste Text ist ähnlich Inspiriert wie Schillers. Und so scheint die Fantasie, in der das Thema von vorigen Lied vollständig wiedererscheint, der erste Schritt in Richtung einer Symphonie mit Chor.

Grundsätzlich anders ist der Charakter vom Lied „Mit einem gemalten Band“.  Beethoven hat drei Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) vertont. Dieser, der dritte, ist sinnlich und bukolisch zugleich, wie Goethe es so gut schreiben könnte. Der Komponist hat auf alles geachtet : F-Dur, die bukolische Tonart par excellence; die klare, reine, fast zerbrechliche Gesangsstimme; und die Klavierstimme, so unglaublich fein. Vor allem weist die obenerwähnete melodische Stelle noch deutlicher auf das zukünftige „Freude“-Thema, das erst 12 Jahren später zum Vorschein kommen wird.


3- Das Werk

Obwohl Beethoven schon 1807 eine Symphonie mit Schlusschor plante, machte er Skizzen der ersten drei Sätzen der zukünftigen Neunte Symphonie erst in 1815 und 1816. Übrigens steht es gar nicht fest ob diese Skizzen wirklich zu diesem Projekt gehörten. Erst in 1818 erwähnt Beethoven den Plan wieder. In der Zwischenzeit hat ihn die Komposition der Missa Solemnis von den Skizzen ferngehalten.

Im Winter 1823-1824 wurde die Symphonie fertig, und zwar endgültig im Februar 1824. Die Premiere fand am 7 Mai statt. Auf dem Programm stand auch die Ouvertüre op. 124 und drei „große“ Hymne (Kyrie, Credo und Agnus Dei aus der Missa Solemnis). 1826 bei Schott herausgegeben, das Werk ist dem preußischen König Frederic-Wilhelm III gewidmet.

So ist es unmöglich mit absoluter Sicherheit zu behaupten dass die Neunte Symphonie insgesamt - die Beethoven in seinen Skizzenbüchern die „deutsche Symphonie“ nannte - das Ergebnis einer über 30 Jahre hinweg für den Text und 17 Jahre für die Musik ausgedehnten, unaufgebrochenen Arbeit, ist. Der Zusammenhang und  eine gewisse Logik kommen erst am Ende der Arbeit zum Vorschein. Beethoven führt konsequent die Hauptkomponente des klassischen Stils durch. Die in der Neunten Symphonie realisierte Symbiose vom Lied (besonders das deutsche Lied, von dem Beethoven der Vorläufer ist) und reiner Musik wurde bahnbrechend ins 19 Jahrhundert für das künstlerische Schaffen der Romantik.


Addenda : Quellen und Aufführung


Die sogenannte “Probleme” der Instrumentierung und Orchestrierung der Neunten Symphonie haben etliche Diskussionen verursacht. Unserer Meinung nach ist es nur die Folge einer bedauerlichen Fehleinschätzung der originellen Quellen und eines gewissen Manierismus in der Aufführung dieses Werkes. Die Umarbeitungen Wagners und besonders Mahlers sind wohl bekannt. Sie reflektieren ihre Epoche, in dem sie auf Effekt berechnet sind, meist unbegründet und unnötig, aber bestens an die Aufführungsumständen ihrer Zeit angepasst. Seitdem ist das Werk sehr unterschiedlich betrachtet worden, sehr sektarisch wie auch bedeutungslos.

Um dem manchmal erstickenden Gewicht einer historischen Betrachtungsweise Widerstand zu leisten ist nur eines möglich : Abstand nehmen, die originelle Quellen zusammenbringen, und die eigene Überlegungen auf eine solide Basis  gründen.

Zum Glück verfügt die Neunte Symphonie über viele  zuverlässige und komplementarische Quellen. Die Autographe Partitur ist die Hauptquelle. Die für die erste Ausgabe realisierte Kopie davon ist die vollkommenste. Beide vergleichend kann man die meiste Probleme lösen.

Die andere Quellen sind auch von grossem Interesse. Außer den vielen Fragen der Nuancen, rhythmischen Bindungen oder Phrasierung,  zeigen sie wichtige Unterschiede in der Notation und der Instrumentation (Verwendung vom Kontrafagott und Piccoloflöte ; Fagott als Verdopplung der bassi). Diese immer wieder vorkommende Probleme sind sehr aufschlußreich für Beethovens ständige Suche nach Klang und Hervorhebung der Polyphonie.

Eine kritische Betrachtungsweise schien hier jede empirische Methode für ungültig erklären, obwohl die extreme Vielfältigkeit des Stückes und deren Betrachtungsweisen vielleicht dazu auffordern. Die hier liegende Aufnahme beruht sich auf einer sorgfältigen revidierten Version. Da liegt unserer Meinung nach die erste Arbeitsphase eines verantwortlichen Musiker : einen Text kontrollieren, sogar feststellen, und verstehen um daraus ein musikalisches Erlebnis abzuziehen das seiner Aufführung Nahrung gibt.

Dieser Standpunkt hat uns dazu geführt,  viel mehr Möglichkeiten im Bezug auf Aufführung zu haben, vorausgesetzt daß wir den  zwei führenden Prinzipien unserer Arbeit mit den Quellen und allen anderen Dokumenten treu bleiben : zusammenbringen um zu klären, kennenlernen um zu verstehen.

Für die Aufführung dieses Werkes, darf man den dreißigjährigen Reifungsprozeß (1794-1824) und die Kraft seiner formalen und stilistischen Symbolik, nicht übersehen. Stilistisch zwingt die Neunte Symphonie ein waagrechtes Lesen auf. Trotz vielen solchen Bemühungen sie so zu betrachten, ist sie kein senkrechter  „Klang-Block“ , besonders wenn man den 4. Satze ins Detail studiert, vor allem das Problem der Aufeinanderfolge der Tempi. Man muß wählen : entweder ist die Ode an die Freude eine Hymne die sich über mehrere Varianten ausbreitet, der inneren formalen Logik der Partitur  ganz entsprechend, oder ein großer Marsch, seinen Schritt nach dem Rhythmus einer prächtigen Blaskapelle richtend - in diesem Fall kommt als einzige Wirkung eine einfarbige und aus dem Gleichgewicht gebrachte Orchestermasse. Es gibt verschiedene Lösungen - nicht alle gleichwertig.

Was die Tempi betrifft, aber auch generell, wir möchten betonen daß wir anstelle des üblichen “mathematischen” Lesen der beethoven’schen Metronomangaben, ein “metrisches” Lesen gesetzt haben. Des führt zu manchmal überraschende Entscheidungen, da die meiste so erworbene Tempi zweimal langsamer als mit einem mathematischen Lesen herauskommen. Diese neue Methode, die für eine echte Treue zu Beethovens Angaben birgt, ist im Artikel “Über die Problematik der Tempi” erklärt. Aber wir wollten nochmal betonen, wie stark und demselben Ziel anstrebend , in diesem 4. Satz insbesondere, die Analyse der Komposition, das Problem der Äquivalenz, die gesamte Vorstellung der beethoven’schen Rhythmik für eine verantwortungs-bewusste Aufführung berücksichtigt sein müssen.

Maximianno Cobra